Wintergolf

Die Wintergolfsaison liegt in ihren letzten Zügen. Wie jedes Jahr habe ich über Weihnachten, an Silvester, am Neujahrstag und an allen anderen Tagen an meinem Schwung gebastelt. Auf dem Video sehe ich eigentlich aus wie immer.

Wintergolf ist eine kalte und relativ triste Angelegenheit, aber dennoch auch die Zeit der Hoffnung und die Zeit der Träume. Die Taschen meiner Thermohose sind vollgestopft mit Zetteln voller Schwunganweisungen, die ich im endlosen Internet gesammelt habe. Zettel mit vielversprechenden Geheimnissen, die die Golfgötter uns in kleinen Brocken regelmäßig zuwerfen. Wir sind dankbar und willig.

Früher suchte ich nächtelang im Internet nach Superzeitlupen der Profis. Heute bekomme ich diese täglich mehrfach über Onlinedienste auf mein Handy serviert. Ich mache Screenshot über Screenshot. Ich filme Superzeitlupen nochmal in Zeitlupe ab und habe dann Supersuperzeitlupen, die ich immer wieder akribisch untersuche, um mich dann anschließend vor dem Spiegel danach zu verrenken.

Außerdem präsentieren Teaching Pros aus aller Welt immer und überall die tollsten Drills und ich komme gar nicht hinterher mit dem Üben. Da werden Alignment sticks in Gürtelschlaufen gesteckt, Schwämme zwischen die Arme geklemmt oder Handtücher unter die Achseln gestopft. Alles schon mal dagewesen, aber nach wie vor hochaktuell und eigentlich immer zu gebrauchen.

Mit einem Alignment stick im Gürtel kann man böse im Türrahmen hängenbleiben, wenn es während der Übungseinheit im Wohnzimmer plötzlich an der Haustür klingelt und man wie von der Tarantel gestochen lossprintet, um den hunderte von Euro teuren Exklusivschwamm aus den USA in Empfang zu nehmen, der einen endlich später schlagen lassen soll. Paketboten haben keine Zeit zu verlieren, wir Golfer auch nicht. Mein Sofa ist kein Sofa mehr sondern ein Impact bag.

Wintergolf. Irgendwie auch das schöne Leben vor der Saison. Nächstes Jahr wird mein Jahr! Nächste Saison spiele ich Golf von einem anderen Stern! Ach! Wenn doch nur schon Frühling wäre, jammere ich halbherzig und bin doch froh, dass Schnee liegt und ich nicht sehe, ob meine Bälle mit dem zweihunderteinundsiebzigsten neuen Drill wirklich weiter fliegen. Doch ich schlage noch einen Korb Bälle und noch einen. Immer weiter und weiter. Immer weiter. Weiter.

Ich hacke auf gefrorene Abschlagmatten und prügele gefrorene Golfbälle, und es ist fraglich, ob es so besser werden kann. Der letzte Korb ist leer, meine Token verbraucht und das Sekretariat geschlossen. Ich rette mich in meinen Fluchtwagen und brause mit leichtem Gepäck und schweren Armen davon. Letzte Ausfahrt – das beheizte Fitnessstudio, in dem ich mich nun endlich angemeldet habe, weil man es sich als Golfer einfach nicht mehr leisten kann, keine SQUATS zu machen. (Im Fitnessstudio sollte man NIEMALS Kniebeugen sagen. Das habe ich schnell gelernt.) Ich bin eifrige Kundin, mache golfspezifische Übungen, die Golffitnessexperten für uns alle überall und jederzeit abrufbar bereitstellen. Ich weiß nicht mehr wo ich anfangen soll und wann Zeit ist aufzuhören. Jetzt sehne ich die Saison herbei. Ich freue mich auf den ersten Monatsteller und die Vierer-Osterhasenjagd. Ich möchte endlich einfach nur mal wieder Golf spielen.

 

(C) Carolin Stähler