Schnelle Morgenrunde

Ich steige aus dem Auto. Neben mir hält mit quietschenden Reifen ein Van.
Olaf steigt aus. Ein Mittfünfziger mit ordentlichem Schwung und langem Drive.
„Gibt’s noch Regen?“ frage ich. „Mir egal“, sagt Olaf. „Ich muss etwas ausprobieren“.
„Hmm“, murmele ich. „Was denn?“ frage ich höflich, obwohl ich es eigentlich gar nicht wissen möchte, trage ich doch sowieso schon viel zu viele Schwunggedanken mit mir herum. „Ich war im Urlaub bei einem Pro, und jetzt ist alles anders!“ sprudelt es aus Olaf heraus. „Ich bin jetzt über 50 und soll Graphitschäfte statt Stahl spielen.“ Ich runzele die Stirn und frage: „War es ein Engländer?“ „Ja!“ sagt Olaf und strahlt als hätte er seine große Liebe getroffen. „Okay“, sage ich. „Dann ist ja alles klar.“

Olaf zeigt mir zwei Eisen 7. „Hier, schau mal, die soll ich testen. Den hier treffe ich total gut und bin sogar zehn Meter länger“, strahlt Olaf und zeigt mir einen klobigen unansehnlichen Schläger mit labbrigem Graphitschaft. Olaf, der auf schöne filigrane Schläger immer soviel Wert gelegt hatte.
„Hmm, der ist aber hässlich“, sage ich und wundere mich über meine schonungslose Ehrlichkeit, aber der Schläger ist wirklich keine Augenweide. „Ja“, voll hässlich!“ sagt Olaf und strahlt mich immer noch an. „Aber er funktioniert!“ ruft er überschwänglich und ein bisschen zu laut für diesen frühen Donnerstag Morgen. Und in dem Moment sehe ich, dass Olaf diesen verklärten, leicht entrückten etwas irren Blick hat, den wir Golfer so gut kennen, und den man nur hat, wenn man gerade mal wieder einen Hoffnungsschimmer auf Schwungverbesserung und Jetzt-wird-alles-anders in sich trägt, den irgendein Pro, eine Zeitschrift oder ein Youtube Schwungvideo in einem wachgeküsst hat.
Ich will nicht, dass er zu tief fällt und versuche, ihm etwas Bodenhaftung zurückzugeben. „Schau mal“, prahle ich. „Ich habe auch Herren Graphit und total kleine schmale Schlägerköpfe.“ Ich ziehe gekonnt mein Eisen 7 und halte es ihm vor die Nase. „Empfehlung vom Pro. Hat er gemessen.“ Ich grinse wie ein Honigkuchenpferd. „Und mein Driver hat sogar einen stiff Schaft“, gebe ich weiter an. „Ich brauche stiff. Hat er gemessen.“ Nun platze ich fast vor Stolz. Olafs Stirn bekommt Falten und er wird einsilbig.
Wir schieben unsere Trolleys über den Parkplatz, am Clubhaus vorbei Richtung Tee 1.
An diesem Tag will Olaf nicht mit mir spielen. Er trabt mit seinen neuen Graphitschäften Richtung Driving Range. So trennen sich unsere Wege.

Bis zur Bahn 2 spiele ich allein. Dann entdecke ich Alfred 200 Meter voraus. Er spielt fünf oder sechs Bälle Richtung Grün, ich jage meinen Abschlag in seine Nähe, um ihn anzutreiben. Ich mag dieses Üben auf der Runde überhaupt nicht, außerdem habe ich nicht ewig Zeit.
Nachdem Alfred seine 15 Putts absolviert und seine Bälle zum Trolley transportiert hat, wartet er neben dem Grün auf mich.
„Willst du allein spielen“, fragt er, als ich das Loch beendet habe. „Wenn du sechs Bälle spielst, dann bitte gerne“, entgegne ich freundlich. „Nein, nein. Wollte nur was ausprobieren“, beschwichtigt Alfred.
Also gehen wir gemeinsam weiter. Alfred hookt so denn zwei Abschläge links ins Aus. „Dahinten liegt ein totes Reh“, sagt er. Das Reh entpuppt sich als heruntergefallener Ast, und nun verstehe ich, warum Alfred seine Bälle nicht findet.
An der 4 trifft er fast den Rasen mähenden Greenkeeper, der sich gerade noch rechtzeitig hinter seine Maschine wirft.
„Fliegerangriff!“ ruft Alfred an der 6, als sich zwei Düsenjets nähern. Mir ist das alles zu aufregend, und ich haue prompt zwei Bälle ins Wasser.
Alfred wird zum Ende der Runde besser. Mir gehen langsam die Bälle aus. An der 9 verabschiede ich mich. Es ist Zeit zu gehen. Alfred läuft weiter zur 10 in die dunklen Wolken hinein dem Regen entgegen.

(C) Carolin Stähler