Ende eines Sommers

Der Sommer ist am Ende, und wieder habe ich keine Geschichte geschrieben.

In lauen Nächten träumte ich von dem perfekten Schwung und lässigen Megadrives. Tagsüber verbrachte ich meine Golfzeit auf der Driving Range, filmte mich von vorne, von hinten und von der Seite und wenn ich gekonnte hätte, auch aus der Luft. Ich nahm meinen Schwung gigaweise mit nach Hause und verwahrte ihn dort neben Joe Miller und anderen Helden. Ich produzierte Screenshot über Screenshot und verlor mich in Analysen und Träumereien. 

Abseits des Golfplatzes übte ich mit verschiedenfarbigen Hochleistungsstöckern ohne Ball. Ich schleuderte gebogene mit Tüchern verknüpfte Stangen durch die wunderbare Sommerluft und nutzte das Ausklopfen der Fußmatten meines PKWs zur Arbeit an meiner Rumpfstabilität.

Bei herrlichem Sonnschein schaute ich Videos, in denen axtschwingende Pros in verschneiten Gegenden mir das Golfspiel erklären wollten.

Warum ging ich nicht einfach spielen? Welcher Schwung bleibt am Ende dieses Sommers? Mein aktueller Schwunggedanke ist immer noch der gleiche. (K)ein gutes Zeichen?

Zeitlupengolf ist das Ende vom  Anfang meines Rückschwungs. Kein Aufschwung in Sicht? Gleichbleibende Durchschnittlichkeit im digitalen Fotoalbum. Nun der Cut?

Soll ich einfach alles löschen, was ich Tag für Tag übermütig und verrückt Seite an Seite mit den Göttern dieser Sportart ablegte? Ich frage mich, was diese Zeit und dieser Speicherplatz wert sind. Ist es Verschwendung oder Bereicherung? Ist Hoffnung angebracht oder Hoffnungslosigkeit ein realistisches Gefühl? Was muss ich tun, damit es besser wird? Darf ich irgendwann ankommen oder bleibt es immer eine Reise? Ich bin besessen, und ich frage mich, ob das noch gut ist oder schon zu viel ist, ob es schön ist oder etwas zu bizarr? Gibt es Besseres, werde ich die Zeit am Ende suchen, oder ist es einfach das Beste, und soll ich noch mehr Zeit verspielen?

Am Ende des Tages bin ich meist da, wo ich mal war, aber heute habe ich den Ball ein paar Mal gut getroffen. Vielleicht wird doch noch alles gut, vielleicht träume ich auch zu viel und zu hoch und bin verloren im Licht der Perfektion der sich Präsentierenden.

Warum muss sich alles zeigen, warum muss ich alles sehen, warum kann man alles laden, speichern, vergrößern, verlangsamen, verdoppeln und wiederholen? Wiederholen. Wiederholen. 

Das alles ist für Träumer, oder gerade für Träumer ist das nichts.

Wieder ist ein Sommer vorbei. 

„Endlich ist es jetzt richtig schön matschig“, schnaubt Manfred und wischt mit seinem Holz 9 kräftig über die Abschlagmatte. „Wenn es matschig ist, spiele ich deutlich besser“, sagt er und bringt den nächsten Ball in Position. 

Endlich! Ja, endlich! Ich möchte es laut in die Welt schreien: 

Endlich ist wieder Off-Season! 

Endlich ist niemand da, wenn ich morgens mit einem den Himmel auf Erden versprechenden, aufblasbaren Trainingstool namens einfacher Plastikball für viel Geld um den Hals auf den Parkplatz der Range fahre. Endlich sind alle Sekretariate morgens noch geschlossen, und endlich sind die Clubmeisterschaften und alle wichtigen Turniere, zu denen ich mich doch nicht anmeldete oder kurzfristig wieder abmeldete, vorbei und endlich kann ich weiter einfach nur an meinem Schwung basteln. Endlich ist der Platz zu matschig und das Wetter zu schlecht für eine richtige Runde Golf. Endlich sind die überdachten Abschlaghütten die besten Herbergen, die man aufsuchen kann – legitime Aufenthaltsorte für Schwungverrückte.

Herrlich entspannt bewundere ich noch ein paar Mal Manfreds Holz 9 Peitsche und gehe dann erneut zum Ballautomaten. Es ist schön kalt und nun fängt es glücklicherweise auch noch an zu regnen. Ich nehme die Bälle, schlüpfe in die Abschlagbox und ziehe selig lächelnd die Tür hinter mir zu. 

(C) Carolin Stähler