Der Golfarbeiter

Die Tür der Golfschule öffnet sich – Norbert kommt herein.
„Moin.“
„Moin.“
Ich sitze am Tresen, blättere in einer Golfzeitschrift und trinke entspannt meinen ersten Schwungpausenkaffee.
Norbert hat seinen eigenen Thermosbecher dabei, den er sich von der Tresenkraft mit dampfendem Kaffee befüllen lässt – ein Ritual, das bei der Bedienung bekannt ist. Norbert ist nicht zum Spaß hier. Der Kaffee wird draußen in der Abschlagbox getrunken. Für Norbert ist der Beginn des Wochenendes Schichtbeginn. „Ich geh’ arbeiten“, sagt er, blickt ernst in meine Richtung und verlässt dann den Pausenraum Richtung Arbeitsstätte Abschlagbox. Ich nicke ihm kurz hinterher und versuche, genau so ernst zu schauen.

Ich trinke meinen Kaffee in Ruhe zu Ende und gehe dann Norbert suchen. Ich finde ihn vor dem Spiegel.
Norbert steht in der verspiegelten Pro Box und beobachtet sich – ein Spiegel vor ihm, ein Spiegel neben ihm. Diese Box ist für konzentriertes Schwungtraining konzipiert. Ich setze mich auf die Bank hinter ihm neben seine Papiere mit den Arbeitsanweisungen für seine heutige Schicht.
„Brauchst nicht gucken heute. Geht gar nichts“, sagt Norbert mürrisch mehr zu seinem Spiegelbild als zu mir. „Alles rechts.“ Er schnauft. „Geh lieber, sonst gewöhnst du dir vielleicht Fehler an.“ Ich bleibe sitzen und schaue mir erst mal ein paar Schläge an und finde sie eigentlich ganz okay. „Geht doch“, meint Norbert. „Ich brauche wohl nur Zuschauer.“ „Ja, das wird es wohl sein“, denke ich, doch prompt haut Norbert wieder einen Ball nach rechts.
„Hast du schon die neuen Schläger bestellt?“ frage ich und ernte ein tiefes Schnauben. „Nee, muss so gehen.“

Vor einer Woche erzählte Norbert allen, die er traf, dass er mit Mirkos Eisen konstant 15 Meter weiter schlug als mit seinen eigenen, was einer Katastrophe gleich kam, da er sich erst kürzlich sündhaft teure japanische Eisen zugelegt hatte, die quasi seinen biometrischen Fingerabdruck haben und nur von ihm bedient werden können. Von einem Schlag auf den anderen waren sie nun wertlos.

„Ach schau mal, nun fliegen sie gerade“, stellt Norbert fest und schlägt auch den nächsten Ball geradeaus. „Zumindest mit den Wedges. Aber alles zu kurz.“
„Nimm mal dein Eisen 4“ schlage ich vor, doch Norbert lacht nur verächtlich, steckt sein Wedge weg und macht Schichtpause.
„Läuft nicht“, resümiert er, „hätte nicht herkommen sollen. Zwei Körbe, nun Feierabend.“ „Doch!“ entgegne ich. „Es lohnt sich immer hierher zu kommen.“
„Ja, hast Recht“, sagt Norbert. „Liegt wohl auch am Wetter, dass nichts fliegt. Die Luft ist zu hart, da können die Bälle nicht durchschneiden.“ Ich nicke zustimmend und versuche gar nicht erst, die These herzuleiten. „Und außerdem hab ich die falschen Schuhe an.“ „Oh ja“, sage ich mit einem Blick auf seine Turnschuhe. Ohne Arbeitskleidung geht hier gar nichts.

„So, ich mach Schluss“, sagt Norbert und schultert sein Tragebag mit den japanischen Edeleisen, die auch nur nach rechts fliegen. Er nimmt einen letzten Schluck Kaffee. „Bist du morgen auch hier auf Arbeit?“ „Ja, sage ich. „Logisch. Bis morgen, Norbert!“
Norbert nickt und geht in den wohlverdienten Feierabend. Morgen ist Sonntag – ein neuer Arbeitstag.

(C) Carolin Stähler