Schwungprobleme, Schwimmnudeln und schlaflose Nächte

Wieder mal kann ich nicht schlafen, weil mein Oberkörper immer noch Richtung Ziel kippt. Einem Geistesblitz folgend schleiche ich mich mitten in der Nacht die Treppen hinunter in den Keller und suche mit einem klaren Ziel vor Augen und nach einer erfolglosen Weile mit einem Anflug von Verzweiflung die längst ausrangierten Schwimmnudeln meiner Kinder.

Nicht mal Shawn Klämmänt* (*Name von der Redaktion geändert), der zu jedem Schwungproblem mindestens sieben Videos gemacht hat und mich im Internet und in meinen Träumen verfolgt, kann mir gerade helfen. 

Dabei ist mein Schwungfehler schnell erklärt. Ich tauche mit dem Oberkörper in einer kopfsprungartigen Bewegung im Abschwung Richtung Ziel als würde ich geschubst werden. Es ist gut, sich von Zeit zu Zeit auf der Driving Range von einem Leidensgenossen mit einer ordentlichen Kamera in Zeitlupe aufnehmen zu lassen, während man meint, alles richtig zu machen, weil doch der Ball einigermaßen ordentlich geradeaus segelt. 

Ja, es tut weh, und ja, es ist vor allem in Zeitlupe niederschmetternd, wenn man nicht ansatzweise aussieht wie Rory McIlroy. Aber das Golferleben ist nun mal kein Ponyhof und das alles ist nicht einfach eine Freizeitbeschäftigung sondern eine berufungsähnliche Mission. Darum krame ich also in Latschen und Pyjama vielleicht eine Spur zu aufgeregt in einem Haufen aussortierter Dinge nach einer Schaumstoffwurst und werde schließlich fündig, was mich sofort die Beckerfaust machen lässt. Golf muss man ernst nehmen, sonst macht es keinen Spaß. 

Stillschweigend jubilierend schleife ich das Ungetüm in mein Spielzimmer, das eigentlich ein Büro sein sollte, und stopfe die Wurst nach mehreren erfolglosen Befestigungsversuchen schließlich zufriedenstellend zwischen Deckenlampe und Decke und zupfe sie so zurecht, dass sie in der Ansprechposition von oben herab hängend meinen Kopf berührt.

Einer weiteren Eingebung folgend wünsche ich mir jetzt noch zwei Klappstühle für mein Vorhaben. Nein, das sagt nicht der Herr Klämmänt sondern ein anderer derzeit top angesagter Teaching Pro, wobei ich sicher bin, dass diese Idee nicht wirklich neu ist. Doch woher Klappstühle nehmen, wenn keine da sind, und so muss ich kurzfristig umdisponieren. Im Hinterkopf speichere ich „Klappstühle bestellen“.

Glücklicherweise habe ich noch den sperrigen Ebenenkeil, den ich nun statt eines Klappstuhls mit der geraden Seite direkt neben meinem linken Fuß bzw. Latschen platziere. Irgendwie bin ich nicht zufrieden. Das hier muss gut werden, also tausche ich die Schlappen gegen meine Golfschuhe. Dann zerre ich die großen Sofakissen herbei, damit ich im Impact nicht den Holzfußboden zerdeppere und begebe mich mit meinem Schläger in Position. 

Die Entfernung der offenen Glastür rechts neben mir habe ich falsch eingeschätzt, aber der just beim Ausholen entstandene Schaden ist in diesem Moment zu vernachlässigen. Doch nochmal kann ich das so nicht machen. Statt zum Schläger greife ich deshalb nun zum „Tuitsch Trehner“ (keine Werbung!) – ein kurzer gebogener Stab mit Golfgriff am einen und ungefährlichem Handtuch am anderen Ende. 

Fast hätte ich vergessen, mir meinen Gummiwasserball um den Hals zu hängen. Nachdem ich das erledigt habe, schwinge ich ein paar Mal das Handtuch durch die Luft und bin einigermaßen zufrieden. Dies könnte der Durchbruch sein, kommt es mir in den Sinn, doch diesen Gedanken wische ich sofort mit ein paar Handtuchschleuderbewegungen fort. Zu oft hab ich in ähnlichen Situationen wie dieser in meinem Schwunglabor schon von der Q-School geträumt und wurde dann am nächsten Tag beim Freilandversuch bitter enttäuscht. Ich bin lange genug dabei, um zu wissen, dass eine teure Stange mit Handtuch keinen Golfschläger ersetzt und ein Schwung ohne Ball im Pyjama etwas vollkommen anderes ist als ein Schwung mit Ball im Osterhasenvierer.  Und trotzdem keimt leise aber stetig Hoffnung auf und ein Lächeln huscht über mein Golfergesicht, während ich handtuchschwingend meinen Kopf gegen die Schaumstoffschlange andocke und – die linke Hüfte aggressiv nach hinten drehend – mit dem linken Bein bemüht bin, den Ebenenkeil nicht umzuschubsen.

Ist es möglich, am Ende doch noch gut auszusehen bei dieser für normale, zu spät mit diesem Sport angefangene Durchschnittsgolfer so komplizierten Bewegung?

Ich lasse meine Station aufgebaut und fliege enthusiastisch die Treppen hinauf. Nun muss ich unbedingt ganz schnell einschlafen, denn morgen ist ein wichtiger Golftag im Freiland.

(C) Carolin Stähler

Ende eines Sommers

Der Sommer ist am Ende, und wieder habe ich keine Geschichte geschrieben.

In lauen Nächten träumte ich von dem perfekten Schwung und lässigen Megadrives. Tagsüber verbrachte ich meine Golfzeit auf der Driving Range, filmte mich von vorne, von hinten und von der Seite und wenn ich gekonnte hätte, auch aus der Luft. Ich nahm meinen Schwung gigaweise mit nach Hause und verwahrte ihn dort neben Joe Miller und anderen Helden. Ich produzierte Screenshot über Screenshot und verlor mich in Analysen und Träumereien. 

Abseits des Golfplatzes übte ich mit verschiedenfarbigen Hochleistungsstöckern ohne Ball. Ich schleuderte gebogene mit Tüchern verknüpfte Stangen durch die wunderbare Sommerluft und nutzte das Ausklopfen der Fußmatten meines PKWs zur Arbeit an meiner Rumpfstabilität.

Bei herrlichem Sonnschein schaute ich Videos, in denen axtschwingende Pros in verschneiten Gegenden mir das Golfspiel erklären wollten.

Warum ging ich nicht einfach spielen? Welcher Schwung bleibt am Ende dieses Sommers? Mein aktueller Schwunggedanke ist immer noch der gleiche. (K)ein gutes Zeichen?

Zeitlupengolf ist das Ende vom  Anfang meines Rückschwungs. Kein Aufschwung in Sicht? Gleichbleibende Durchschnittlichkeit im digitalen Fotoalbum. Nun der Cut?

Soll ich einfach alles löschen, was ich Tag für Tag übermütig und verrückt Seite an Seite mit den Göttern dieser Sportart ablegte? Ich frage mich, was diese Zeit und dieser Speicherplatz wert sind. Ist es Verschwendung oder Bereicherung? Ist Hoffnung angebracht oder Hoffnungslosigkeit ein realistisches Gefühl? Was muss ich tun, damit es besser wird? Darf ich irgendwann ankommen oder bleibt es immer eine Reise? Ich bin besessen, und ich frage mich, ob das noch gut ist oder schon zu viel ist, ob es schön ist oder etwas zu bizarr? Gibt es Besseres, werde ich die Zeit am Ende suchen, oder ist es einfach das Beste, und soll ich noch mehr Zeit verspielen?

Am Ende des Tages bin ich meist da, wo ich mal war, aber heute habe ich den Ball ein paar Mal gut getroffen. Vielleicht wird doch noch alles gut, vielleicht träume ich auch zu viel und zu hoch und bin verloren im Licht der Perfektion der sich Präsentierenden.

Warum muss sich alles zeigen, warum muss ich alles sehen, warum kann man alles laden, speichern, vergrößern, verlangsamen, verdoppeln und wiederholen? Wiederholen. Wiederholen. 

Das alles ist für Träumer, oder gerade für Träumer ist das nichts.

Wieder ist ein Sommer vorbei. 

„Endlich ist es jetzt richtig schön matschig“, schnaubt Manfred und wischt mit seinem Holz 9 kräftig über die Abschlagmatte. „Wenn es matschig ist, spiele ich deutlich besser“, sagt er und bringt den nächsten Ball in Position. 

Endlich! Ja, endlich! Ich möchte es laut in die Welt schreien: 

Endlich ist wieder Off-Season! 

Endlich ist niemand da, wenn ich morgens mit einem den Himmel auf Erden versprechenden, aufblasbaren Trainingstool namens einfacher Plastikball für viel Geld um den Hals auf den Parkplatz der Range fahre. Endlich sind alle Sekretariate morgens noch geschlossen, und endlich sind die Clubmeisterschaften und alle wichtigen Turniere, zu denen ich mich doch nicht anmeldete oder kurzfristig wieder abmeldete, vorbei und endlich kann ich weiter einfach nur an meinem Schwung basteln. Endlich ist der Platz zu matschig und das Wetter zu schlecht für eine richtige Runde Golf. Endlich sind die überdachten Abschlaghütten die besten Herbergen, die man aufsuchen kann – legitime Aufenthaltsorte für Schwungverrückte.

Herrlich entspannt bewundere ich noch ein paar Mal Manfreds Holz 9 Peitsche und gehe dann erneut zum Ballautomaten. Es ist schön kalt und nun fängt es glücklicherweise auch noch an zu regnen. Ich nehme die Bälle, schlüpfe in die Abschlagbox und ziehe selig lächelnd die Tür hinter mir zu. 

(C) Carolin Stähler

Wintergolf

Die Wintergolfsaison liegt in ihren letzten Zügen. Wie jedes Jahr habe ich über Weihnachten, an Silvester, am Neujahrstag und an allen anderen Tagen an meinem Schwung gebastelt. Auf dem Video sehe ich eigentlich aus wie immer.

Wintergolf ist eine kalte und relativ triste Angelegenheit, aber dennoch auch die Zeit der Hoffnung und die Zeit der Träume. Die Taschen meiner Thermohose sind vollgestopft mit Zetteln voller Schwunganweisungen, die ich im endlosen Internet gesammelt habe. Zettel mit vielversprechenden Geheimnissen, die die Golfgötter uns in kleinen Brocken regelmäßig zuwerfen. Wir sind dankbar und willig.

Früher suchte ich nächtelang im Internet nach Superzeitlupen der Profis. Heute bekomme ich diese täglich mehrfach über Onlinedienste auf mein Handy serviert. Ich mache Screenshot über Screenshot. Ich filme Superzeitlupen nochmal in Zeitlupe ab und habe dann Supersuperzeitlupen, die ich immer wieder akribisch untersuche, um mich dann anschließend vor dem Spiegel danach zu verrenken.

Außerdem präsentieren Teaching Pros aus aller Welt immer und überall die tollsten Drills und ich komme gar nicht hinterher mit dem Üben. Da werden Alignment sticks in Gürtelschlaufen gesteckt, Schwämme zwischen die Arme geklemmt oder Handtücher unter die Achseln gestopft. Alles schon mal dagewesen, aber nach wie vor hochaktuell und eigentlich immer zu gebrauchen.

Mit einem Alignment stick im Gürtel kann man böse im Türrahmen hängenbleiben, wenn es während der Übungseinheit im Wohnzimmer plötzlich an der Haustür klingelt und man wie von der Tarantel gestochen lossprintet, um den hunderte von Euro teuren Exklusivschwamm aus den USA in Empfang zu nehmen, der einen endlich später schlagen lassen soll. Paketboten haben keine Zeit zu verlieren, wir Golfer auch nicht. Mein Sofa ist kein Sofa mehr sondern ein Impact bag.

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